Die Erinnerung wachhalten

von freakoutcrazy

Grafeneck/Zwiefalten. Es waren Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte – doch in Grafeneck wurden sie 1940 zu Mördern. Am gestrigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde auch die Rolle der Täter beleuchtet.

Im Oktober 1939 wird die Behinderteneinrichtung Grafeneck vom Württembergischen Innenministerium beschlagnahmt. Zur selben Zeit gehen in der Heil- und Pflegeanstalt in Zwiefalten Meldebogen ein, in denen die psychisch kranken und geistig behinderten Bewohner eingetragen werden sollen. Kurze Zeit später fahren die ersten Busse nach Grafeneck, beladen mit Patienten, die noch am Tag der Ankunft getötet werden. Es ist der Beginn eines Massenmords an dessen Ende allein in Grafeneck mehr als 10 600 Opfer stehen, der Beginn der so genannten „T 4-Aktion“, in der wehrlose Menschen in Grafeneck und sechs anderen Vernichtungsstätten vergast werden, weil ihr Leben von den Nazis als „lebensunwert“ eingestuft wird.

Doch nicht nur das: „Grafeneck stand am Anfang eines Weges, der direkt nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager des Holocaust führte“, machte Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus deutlich, der gestern gemeinsam von der Gedenkstätte Grafeneck und vom Zentrum für Psychiatrie (ZfP) veranstaltet wurde. In Grafeneck wurden diese Tötungen erprobt und es zeigte dem Nazi-Regime, dass es möglich ist, massenhaft Menschen zu töten, ohne dass es zu großen öffentlichen Protesten oder Widerstand kam. Dies niemals zu vergessen seien wir den Opfern schuldig, betonte Altpeter: „Wir müssen die Erinnerung an sie wachhalten und dem Vergessen entgegentreten. So geben wir den Opfern ihre Würde zurück, die ihre Mörder ihnen nehmen wollten.“

Dazu gehört, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen. Etwas, das viele Einrichtungen leisten, die staatlichen Stellen bisher noch zu wenig, wie Altpeter bedauerte. Dabei gilt es nicht nur, der Opfer zu gedenken, sondern auch die Frage nach dem „Warum?“ zu stellen, zu hinterfragen, was die Täter zu diesen Morden veranlasst hat. Etwas, das gestern aus mehreren Blickwinkeln unternommen wurde.

Der Auftakt war in Zwiefalten – für viele Opfer der letzte Aufenthaltsort vor ihrer Deportation, der Ort, an dem Ärzte, die ihnen eigentlich helfen sollten, ihr Todesurteil unterzeichneten. Dr. Thomas Müller, Leiter des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin am ZfP Südwürttemberg, beleuchtete die damalige Situation in Zwiefalten. Unliebsames Personal wurde von den Nazis entlassen, andere eingesetzt, die wohlüberlegte Tötungen ausführen. Eine von ihnen war Dr. Martha Fauser, die auch nach Ende des Nazi-Regimes dessen Denken verhaftet blieb. „Diese grausamen Taten mahnen uns“, betonte Müller. Zwar könne man das Leid nicht ungeschehen machen, sagte der ZfP-Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp, doch sei es wichtig, dass diese schrecklichen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

In Grafeneck ging der Leiter der Gedenkstätte, Thomas Stöckle, der Frage nach: „Die Täter von Grafeneck 1940 – Ganz gewöhnliche Deutsche?“. Es seien normale Männer und Frauen gewesen, so Stöckle, doch betrachte man sie näher, so seien es nicht die willigen Vollstrecker, die auf den Befehl gewartet haben. Dabei gab es Täter auf drei Ebenen: Auf Reichsebene, auf Landesebene und 90 bis 100 Personen, die eineinhalb Jahre in Grafeneck zu Gange waren. Stöckle ging auf einige der Täter und ihre Biografien kurz ein, etwa den ärztlichen Leiter, Dr. Horst Schumann, der später „Karriere“ machte und Leiter des KZ Auschwitz-Birkenau wurde.

„Erschreckend ist die Normalität der Täter“, hob Stöckle hervor. Es waren Ärzte und Pflegepersonal, Wachmannschaften, Schreibkräfte oder Verwaltungsangestellte – ihre Motive? Karriere, guter Verdienst, Staatsgläubigkeit, die Überzeugung, dass vom Staat kein unrechter Befehl ausgehe. . . Nur die wenigsten wurden vor Gericht gestellt; acht aus Grafeneck, noch weniger von ihnen, nämlich drei, zu milden Strafen verurteilt. Viele haben nach dem Krieg ihre persönliche Verantwortung an den Taten geleugnet.

Groß war auch die Mitschuld der staatlichen Stellen, gewöhnliche Verwaltungsabläufe wurden Teil eines staatlichen Tötungsprogramms, „die Verwaltung wurde zum Werkzeug eines Massenmords“, so Katrin Altpeter. Und sich dieser Vergangenheit zu stellen, sei auch für die Zukunft notwendig: „Demokratie braucht Menschen, die konsequent einschreiten, wenn Unrecht geschieht.“ Es gehe nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern darum, dass Menschen hinschauen, wenn anderen Menschen das Lebensrecht abgesprochen werde.

Gerade Orte wie Grafeneck und Zwiefalten, Orte, an denen getötet wurde, aber auch Orte, an denen die Täter unbeschwert lebten, dienen für solche Erinnerung. Und Tage wie der Gedenktag halten sie jedes Jahr aufs Neue wach.

Quelle

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