Gedenkfeier für Opfer der NS-Zeit

von freakoutcrazy

– Der Historiker Arnulf Moser erinnert an ein düsteres Kapitel der Reichenauer Psychiatrie. 450 bis 500 Patienten aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt wurden in der Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert.

Mehr als 1500 ehemalige Patienten und Personen aus der Verwandtschaft wurden zudem für eine Überprüfung angezeigt. Moser legte im Zentrum für Psychiatrie Reichenau vor Gästen aus Politik, Medizin und Wissenschaft dar, wie die Zwangssterilisation in der NS-Zeit zunächst eingesetzt wurde, um die Fortpflanzung von Menschen zu verhindern, die mit tatsächlichen oder vermeintlichen Erbkrankheiten belastet waren. Betroffen waren etwa Blinde, Taube, Epileptiker, geistig Behinderte und psychisch Kranke. Mit Kriegsbeginn sei die Sterilisation zum Mittel der Rassenauslese geworden – eine Vorstufe zur Massenvernichtung.

Moser zeichnet in seinen Ausführungen nach, welche Rolle der damalige Leiter des Konstanzer Gesundheitsamts, Ferdinand Rechberg, spielte. Wenn die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, deren Ärzte selbst Fachgutachten über ihre Patienten schrieben, beim Konstanzer Erbgesundheitsamt einen Antrag auf Zwangssterilisation stellten, fungierten dort Ärzte aus dem Gesundheitsamt als Beisitzer – unter anderem Ferdinand Rechberg. In seiner Funktion als Amtsleiter wirkte er in anderen Fällen auch als Gutachter bei Zwangssterilisationen. Etwa 1000 Fälle seien aus seinem Bezirk dokumentiert. „Das ist im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich weniger als in anderen Bezirken, die ebenfalls Heil- und Pflegeanstalten haben wie Ravensburg und Offenburg“, sagt Moser.

Dennoch sind die Schicksale dramatisch. So etwa die Zwangssterilisationen gegen „Zigeuner“ mit arischen Lebenspartnern. In Konstanz traf es etwa einen Musiker und seine 17 Jahre alte Tochter. Als dessen jüngere Tochter in der Konstanzer Frauenklinik ebenfalls zwangssterilisiert werden sollte, trickste der Frauenarzt Kurt Welsch. Er operierte nur zum Schein. Er öffnete den Bauch der Frau und vernähte die Wunde wieder. In einem anderen Fall lehnte derselbe Arzt eine Abtreibung bei einer im sechsten bis siebten Monat Schwangeren ab. Als „Zigeunermischling“ hätte sie nur unter dieser Voraussetzung eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Ehe bekommen. Rechberg machte nach Angaben Mosers nach dem Krieg Karriere: In den 50er-Jahren wurde er Direktor der Reichenauer Anstalt und wurde Gutachter bei Entschädigungsfragen von Zwangssterilisierten.

Quelle

Advertisements