Der graue Bus des Grauens setzt seine Fahrt fort

von freakoutcrazy

In Köln-Deutz bleibt nur eine Replik des Weißenauer Denkmals – Nächste Stationen sind Zwiefalten und Posen

Von Sibylle Emmrich

Ravensburg Das Denkmal des grauen Betonbusses, das die alte Pforte der Weißenauer Psychiatrie durchbricht und versperrt, hat inzwischen weite Beachtung gefunden. Das Projekt der beiden Konzeptkünstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz steht für die sogenannte Euthanasie-Aktion des NS-Regimes.

Es erinnert an die nationalsozialistischen Massenmorde an psychisch kranken Menschen. Das stationäre Denkmal in Weißenau, das das südwürttembergische Zentrum für Psychiatrie zusammen mit der Stadt Ravensburg 2006 initiiert und finanziert hat, ist speziell den 691 Weißenauer Patienten gewidmet, die 1940 mit elf dieser Busse in die Gaskammern des Schlosses Grafeneck (Kreis Reutlingen) gefahren und dort umgebracht wurden.

Dass der graue Bus darüber hinaus zum Geschichts-Vehikel, zum Transportmittel der Erinnerung wurde, das ist dessen Zwillingsexemplar zu danken. Seit 2006 ist einer der beiden begehbaren Betonbusse auf Tour. Von der Ravensburger Gartenstraße als erster Station ging er als mobiles Denkmal nach Berlin, wo in der Tiergartenstraße die Vernichtungsaktion ihren planerischen Ausgang nahm, und nach Stuttgart, auf den Schlossplatz. Ehemalige Tötungsstätten in Grafeneck, in Brandenburg an der Havel und in Pirna waren weitere Stationen.

Seit September 2011 steht der zweite Betonbus, das mobile Denkmal, vor dem Landeshaus in Köln-Deutz. Damit erinnert der Landschaftsverband Rheinland (LVR) an den Massenmord von fast 10 000 Psychiatriepatienten aus dem Rheinland während der NS-Zeit. Wie andernorts, so wurde auch in den Kliniken des Rheinischen Provinzialverbandes und bei den dort politisch Verantwortlichen erst spät offenbart, dass von dort psychisch Kranke zu den Gaskammern im hessischen Hadamar verfrachtet worden sind. Umso offener und heftiger kam jetzt die öffentliche Diskussion in Gang über das, was im NS-Rassenwahn als „lebensunwertes Leben“ zum Tode verurteilt wurde. Das Ergebnis: Der LVR will das mobile Denkmal behalten und zu einem stationären Mahnmal machen.

Über eine entsprechende Berichterstattung der Kölner Medien wurde der Ravensburg BfR-Stadtrat Wilfried Krauss darauf aufmerksam. „Beabsichtigt Ravensburg, den zweiten mobilen Bus nach Köln zu verkaufen?“, fragte Historiker Krauss den Ravensburger Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp. Eine Antwort gab darauf, auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung, Kulturreferent Dr. Franz Schwarzbauer. Keinesfalls wolle man die Grundkonzeption dieses Denkmals mit dem stationären Teil in Weißenau und dem mobilen Teil des Zwillingsbusses aufgeben und zerstören. Deshalb könne der rheinische Klinikenverbund eine weitere Replik des Betonbusses erwerben, aber nicht das mobile Mahnmal am Kölner Rheinufer festhalten.

Andreas Knitz aus Berg, der zusammen mit Horst Hoheisel das Denkmal der grauen Busse geschaffen hat, ist mit dieser Vorgehensweise einverstanden. Eine Replik, ein Nachguss, könne in Köln stehen bleiben, doch der Zwillingsbus müsse weiter auf Reisen gehen. Nachdem das Konzept in der Realität zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist und es eine erstaunliche Nachfrage gebe, allemal. „Indem der zweite Denkmals-Bus nach mehreren Monaten jeweils einen neuen Ort aufsucht, der mit dem Thema ‘Euthanasie‘ verbunden ist, wird der Prozess der Erinnerung auf ganz Deutschland hin ausgeweitet und immer aufs Neue angestoßen. Doch jetzt sind es nicht mehr die Künstler, die diesen Prozess steuern. Wesentlich am Ortswechsel des zweiten Busses ist, dass Menschen in anderen Städten nicht nur an ihm teilnehmen, sondern die Erinnerungsarbeit selbst übernehmen, denn er wird erst bewegt, nachdem eine Bürgerinitiative, eine Gemeinde oder eine Institution aktiv geworden ist,“ heißt es in einem Beitrag von Stefanie Endlich für das demnächst erscheinende zweite Buch „Das Denkmal der grauen Busse“.

Nächste Station ist Zwiefalten

Nächste Stationen des Zwillingsbusses werden also Zwiefalten (ab April 2012) und dann Posen in Polen (bis Oktober 2013) sein. Und dass der graue Bus in Posen – und damit erstmals außerhalb Deutschlands – Station macht, das rührt Andreas Knitz ganz besonders. Dort, wo nach den makabren „Probevergasungen“ von kranken Menschen der industriell aufgezogene Massenmord der NS-Tötungsmaschine apokalyptische Ausmaße annahm, wird das von Knitz-Hoheisel geschaffene Kunstwerk dem Unfassbaren mit grauem Stahlbeton Ausdruck verleihen.

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