Psychex benutzt Gerichtssaal als Propagandabühne

von freakoutcrazy

by Tagesanzeiger

Edmund Schönenberger ist Gründer des Vereins, der sich den Kampf gegen die Psychiatrie auf die Fahne geschrieben hat. Er behauptet, Psychiater würden über Leichen gehen.

Psychex nutzte die Gerichtsverhandlung zur politischen Demonstration im Kampf gegen die Psychiatrie: Gerichtssaal im Bezirksgericht Zürich.

Gerichtsverhandlungen laufen meist in einem intimen Rahmen ab: Dem richterlichen Gremium sitzen nur der oder die Angeklagte gegenüber, begleitet von einem Rechtsbeistand und allenfalls einer Vertrauensperson. Nicht so am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl die Verhandlung in einen grösseren Saal verlegt worden war, waren die rund 30 Plätze rasch belegt, und etliche Interessierte mussten draussen bleiben.

Die Besucher bildeten eine Schicksalsgemeinschaft. Sie kennen psychiatrische Kliniken von innen, fühlen sich als Opfer der Psychiatrie, und sie sind Klienten des Vereins Psychex, der Patienten nach einem Fürsorgerischen Freiheitsentzug (FFE) mit rechtlichen Mitteln «aus der Versenkung» befreit. Mobilisiert hat sie Edmund Schönenberger, der Gründer von Psychex. Und ein halbseitiges Zeitungsinserat des Vereins. Schönenberger nutzte die Gerichtsverhandlung zur politischen Demonstration im Kampf gegen die Psychiatrie. Ein indirektes Geschenk zum 25-Jahr-Jubiläum von Psychex, wie Schönenberger durchblicken liess. Der Verein rief im Inserat auch gleich zur Gründung eines Vereins Psychiatriebetroffener auf.

Kritik an Psychex

Doch weshalb die grosse Aufregung? Der «Beobachter» hatte am 8. Juni einen Artikel mit dem Titel «Psychiatrie: Die Zwangsjacke hat ausgedient» veröffentlicht. Darin kritisierte die Zeitschrift die radikale Haltung der von Scientologen geführten Organisation CCHR (Citizens Commission on Human Rights) gegenüber der Psychiatrie. Eine ähnlich abstruse Kritik am FFE übe auch Psychex, wenn der Verein behaupte, Patienten würden «in einer der unzähligen Anstalten versenkt und mit heimtückischen Nervengiften ruhiggestellt». Ausserdem sei Psychex im Auftreten sektiererisch.

Das liess sich der Verein nicht gefallen und formulierte eine ausführliche Gegendarstellung. Zu lang und nicht formgerecht, signalisierte der «Beobachter». Deshalb trafen sich die Parteien am Mittwoch vor Gericht.

Fundamentalkritik am FFE

Das bunte Völklein im Saal bot Schönenberger den Rahmen für einen denkwürdigen Auftritt. Mit seiner am Gürtel befestigten Dächlikappe bezeichnete Schönenberger, der 1999 wegen ungebührlicher Äusserungen vor Gericht das Anwaltspatent für drei Monate verloren hatte, den FFE als Zwangspsychiatrie und reines Herrschaftsinstrument, mit dem die Ärzte «buchstäblich über Leichen» schreiten würden. Die Zwangsmedikation sei Folter und Mord in Raten und stelle eine inquisitorisch-holocaustische Dimension des Herrschaftsinstruments dar.

Die flammende Rede unterstützten die Besucher mit zustimmendem Gemurmel und einem lauten Schlussapplaus. Dass Schönenberger kaum auf die rechtlichen Aspekte einging, sondern 90 Minuten lang Fundamentalkritik am FFE übte, störte sie nicht. Auch nicht die von Fachleuten geäusserte Kritik, Psychex hole blindlings Patienten aus Kliniken, ohne ihre Krankheiten zu kennen und sie nachzubetreuen. Schönenberger sagte denn auch zum Schluss, dass seine Ausführungen erst im Urteil der Geschichte Relevanz entfalten. Und: «Durch diesen Prozess können wir Aufsehen erregen.»

Gegenanwalt befremdet

Der Anwalt des «Beobachters» tat sich sichtlich schwer mit dem Verlauf der Verhandlung und zeigte sich befremdet. Er legte in seinen Ausführungen dar, dass die inkriminierten Passagen Zitate von Psychex und Werturteile seien. Dies treffe auch für den Begriff «sektiererisch» zu. Gegendarstellungsfähig seien aber nur falsche Tatsachenbehauptungen.

Der für die rechtlichen Belange zuständige Anwalt von Psychex gab zu bedenken, der Artikel schädige den Ruf von Psychex und sei Gift, das im Internet lange wirke. Der Verein müsse in einer Gegendarstellung erklären können, weshalb eine Aussage falsch sei.

Am Schluss der Verhandlung trafen sich die Parteien zu einer Vergleichsverhandlung. Das Resultat wurde nicht bekannt gegeben.

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