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Blog des AK Psychiatriekritik der NFJ Berlin

Kategorie: NS

Fachausschuss der Stadt Lüneburg präsentiert Entwurf einer Anlage für die Opfer der NS-Psychiatrie

Vor mehr als 70 Jahren wurden ihre Leichname verscharrt, weil sie als „lebensunwert“ galten. Jetzt sollen die mehr als 350 Opfer der sogenannten Kindereuthanasie eine würdige Gedenkstätte erhalten. Die Kinder waren im Nationalsozialismus Psychiatriepatienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt. Sie wurden von Ärzten und Pflegern mittels Mangelernährung und Überdosen des Schlafmittels Luminal ermordet, anschließend auf dem Anstaltsfriedhof verscharrt, der heutige Friedhof Nord-West auf Höhe Gut Wienebüttel. Im Grünflächen- und Forstausschuss wurde jetzt ein gemeinsamer Anlagen-Entwurf der Stadt sowie der Arbeitsgruppe (AG) Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ der Psychiatrischen Klinik Lüneburg für alle Opfer vorgestellt.

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Ein Grab für Rosemarie

Mehr als 70 Jahre nach dem Tod dreier hannoverscher Kinder sucht die Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg nach möglichen Angehörigen. Bisher verlief die Suche über Einwohnermeldeamt und Staatsarchiv ergebnislos, jetzt hat sich die Historikerin Carola S. Rudnick an die HAZ gewendet.

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Bundesregierung versagt bei Entschädigung von ,Euthanasie‘-Opfern

by scharf-links

„Die Entschädigung von Opfern des NS-‚Euthanasie‘-Programms ist eine Geschichte des Scheiterns“, bilanziert die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Ulla Jelpke, die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage (17/8729). Sie fährt fort:

„Vor über einem Jahr hat der Bundestag einmütig die Ausweitung der monatlichen Zahlungen für die Opfer von Zwangssterilisation auf die ,Euthanasie‘-Opfer beschlossen. Doch das Ergebnis ist bitter: Ganzen drei Personen kommt dies zugute. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Bundesregierung daran festhält, diese NS-Opfer unterschiedlich zu behandeln.
Sie beschränkt die Anwendung des Bundestagsbeschlusses auf jene wenigen Menschen, die schon in eine der Tötungsanstalten eingeliefert und ihrer Ermordung in letzter Minute entgangen waren. Die Bundesregierung sollte ihre restriktive Begriffsinterpretation aufgeben und anerkennen, dass auch Kinder von ,Euthanasie‘-Geschädigten erhebliche Traumatisierungen und finanzielle sowie berufliche Nachteile erlitten haben.

Die bislang gezahlten Gesamtentschädigungssummen in Form von Einmalzahlungen und monatlichen Leistungen belaufen sich auf rund 70 Millionen Euro. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Aufarbeitung der Entschädigungspolitik dringend notwendig ist.
Erstmals 1980 wurde Opfern von Zwangssterilisierung ein Entschädigungsanspruch zugebilligt, den ,Euthanasie‘-Opfern erst 1988. Insgesamt erhielten 13.816 Zwangssterilisierte und 333 ,Euthanasie‘-Geschädigte Einmalzahlungen. Unterstützung in Form monatlicher Leistungen erhalten gegenwärtig noch 482 Zwangssterilisierte und die erwähnten drei ,Euthanasie‘-Geschädigten.

Die jahrzehntelange Verweigerung jeglicher Entschädigungen ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass der Wiedergutmachungsausschuss des Bundestages 1961 diese Opfer der Nazipolitik ausgeschlossen hat. Drei der damals angehörten Sachverständigen waren selbst Richter an sogenannten Erbgesundheitsgerichten bzw. haben Menschenversuche durchgeführt. In Schriftstücken des Bundesfinanzministeriums werden diese Naziverbrecher noch heute als „führende Fachleute der Psychiatrie“ bezeichnet. Die Opfer können dies nur als anhaltende Verhöhnung ihres Schicksals begreifen.
DIE LINKE wird parlamentarische Initiativen ergreifen, um auch den mittelbaren Opfern des ,Euthanasie‘-Programms Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“

Der graue Bus des Grauens setzt seine Fahrt fort

In Köln-Deutz bleibt nur eine Replik des Weißenauer Denkmals – Nächste Stationen sind Zwiefalten und Posen

Von Sibylle Emmrich

Ravensburg Das Denkmal des grauen Betonbusses, das die alte Pforte der Weißenauer Psychiatrie durchbricht und versperrt, hat inzwischen weite Beachtung gefunden. Das Projekt der beiden Konzeptkünstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz steht für die sogenannte Euthanasie-Aktion des NS-Regimes.

Es erinnert an die nationalsozialistischen Massenmorde an psychisch kranken Menschen. Das stationäre Denkmal in Weißenau, das das südwürttembergische Zentrum für Psychiatrie zusammen mit der Stadt Ravensburg 2006 initiiert und finanziert hat, ist speziell den 691 Weißenauer Patienten gewidmet, die 1940 mit elf dieser Busse in die Gaskammern des Schlosses Grafeneck (Kreis Reutlingen) gefahren und dort umgebracht wurden.

Dass der graue Bus darüber hinaus zum Geschichts-Vehikel, zum Transportmittel der Erinnerung wurde, das ist dessen Zwillingsexemplar zu danken. Seit 2006 ist einer der beiden begehbaren Betonbusse auf Tour. Von der Ravensburger Gartenstraße als erster Station ging er als mobiles Denkmal nach Berlin, wo in der Tiergartenstraße die Vernichtungsaktion ihren planerischen Ausgang nahm, und nach Stuttgart, auf den Schlossplatz. Ehemalige Tötungsstätten in Grafeneck, in Brandenburg an der Havel und in Pirna waren weitere Stationen.

Seit September 2011 steht der zweite Betonbus, das mobile Denkmal, vor dem Landeshaus in Köln-Deutz. Damit erinnert der Landschaftsverband Rheinland (LVR) an den Massenmord von fast 10 000 Psychiatriepatienten aus dem Rheinland während der NS-Zeit. Wie andernorts, so wurde auch in den Kliniken des Rheinischen Provinzialverbandes und bei den dort politisch Verantwortlichen erst spät offenbart, dass von dort psychisch Kranke zu den Gaskammern im hessischen Hadamar verfrachtet worden sind. Umso offener und heftiger kam jetzt die öffentliche Diskussion in Gang über das, was im NS-Rassenwahn als „lebensunwertes Leben“ zum Tode verurteilt wurde. Das Ergebnis: Der LVR will das mobile Denkmal behalten und zu einem stationären Mahnmal machen.

Über eine entsprechende Berichterstattung der Kölner Medien wurde der Ravensburg BfR-Stadtrat Wilfried Krauss darauf aufmerksam. „Beabsichtigt Ravensburg, den zweiten mobilen Bus nach Köln zu verkaufen?“, fragte Historiker Krauss den Ravensburger Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp. Eine Antwort gab darauf, auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung, Kulturreferent Dr. Franz Schwarzbauer. Keinesfalls wolle man die Grundkonzeption dieses Denkmals mit dem stationären Teil in Weißenau und dem mobilen Teil des Zwillingsbusses aufgeben und zerstören. Deshalb könne der rheinische Klinikenverbund eine weitere Replik des Betonbusses erwerben, aber nicht das mobile Mahnmal am Kölner Rheinufer festhalten.

Andreas Knitz aus Berg, der zusammen mit Horst Hoheisel das Denkmal der grauen Busse geschaffen hat, ist mit dieser Vorgehensweise einverstanden. Eine Replik, ein Nachguss, könne in Köln stehen bleiben, doch der Zwillingsbus müsse weiter auf Reisen gehen. Nachdem das Konzept in der Realität zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist und es eine erstaunliche Nachfrage gebe, allemal. „Indem der zweite Denkmals-Bus nach mehreren Monaten jeweils einen neuen Ort aufsucht, der mit dem Thema ‘Euthanasie‘ verbunden ist, wird der Prozess der Erinnerung auf ganz Deutschland hin ausgeweitet und immer aufs Neue angestoßen. Doch jetzt sind es nicht mehr die Künstler, die diesen Prozess steuern. Wesentlich am Ortswechsel des zweiten Busses ist, dass Menschen in anderen Städten nicht nur an ihm teilnehmen, sondern die Erinnerungsarbeit selbst übernehmen, denn er wird erst bewegt, nachdem eine Bürgerinitiative, eine Gemeinde oder eine Institution aktiv geworden ist,“ heißt es in einem Beitrag von Stefanie Endlich für das demnächst erscheinende zweite Buch „Das Denkmal der grauen Busse“.

Nächste Station ist Zwiefalten

Nächste Stationen des Zwillingsbusses werden also Zwiefalten (ab April 2012) und dann Posen in Polen (bis Oktober 2013) sein. Und dass der graue Bus in Posen – und damit erstmals außerhalb Deutschlands – Station macht, das rührt Andreas Knitz ganz besonders. Dort, wo nach den makabren „Probevergasungen“ von kranken Menschen der industriell aufgezogene Massenmord der NS-Tötungsmaschine apokalyptische Ausmaße annahm, wird das von Knitz-Hoheisel geschaffene Kunstwerk dem Unfassbaren mit grauem Stahlbeton Ausdruck verleihen.

Die Erinnerung wachhalten

Grafeneck/Zwiefalten. Es waren Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte – doch in Grafeneck wurden sie 1940 zu Mördern. Am gestrigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde auch die Rolle der Täter beleuchtet.

Im Oktober 1939 wird die Behinderteneinrichtung Grafeneck vom Württembergischen Innenministerium beschlagnahmt. Zur selben Zeit gehen in der Heil- und Pflegeanstalt in Zwiefalten Meldebogen ein, in denen die psychisch kranken und geistig behinderten Bewohner eingetragen werden sollen. Kurze Zeit später fahren die ersten Busse nach Grafeneck, beladen mit Patienten, die noch am Tag der Ankunft getötet werden. Es ist der Beginn eines Massenmords an dessen Ende allein in Grafeneck mehr als 10 600 Opfer stehen, der Beginn der so genannten „T 4-Aktion“, in der wehrlose Menschen in Grafeneck und sechs anderen Vernichtungsstätten vergast werden, weil ihr Leben von den Nazis als „lebensunwert“ eingestuft wird.

Doch nicht nur das: „Grafeneck stand am Anfang eines Weges, der direkt nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager des Holocaust führte“, machte Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus deutlich, der gestern gemeinsam von der Gedenkstätte Grafeneck und vom Zentrum für Psychiatrie (ZfP) veranstaltet wurde. In Grafeneck wurden diese Tötungen erprobt und es zeigte dem Nazi-Regime, dass es möglich ist, massenhaft Menschen zu töten, ohne dass es zu großen öffentlichen Protesten oder Widerstand kam. Dies niemals zu vergessen seien wir den Opfern schuldig, betonte Altpeter: „Wir müssen die Erinnerung an sie wachhalten und dem Vergessen entgegentreten. So geben wir den Opfern ihre Würde zurück, die ihre Mörder ihnen nehmen wollten.“

Dazu gehört, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen. Etwas, das viele Einrichtungen leisten, die staatlichen Stellen bisher noch zu wenig, wie Altpeter bedauerte. Dabei gilt es nicht nur, der Opfer zu gedenken, sondern auch die Frage nach dem „Warum?“ zu stellen, zu hinterfragen, was die Täter zu diesen Morden veranlasst hat. Etwas, das gestern aus mehreren Blickwinkeln unternommen wurde.

Der Auftakt war in Zwiefalten – für viele Opfer der letzte Aufenthaltsort vor ihrer Deportation, der Ort, an dem Ärzte, die ihnen eigentlich helfen sollten, ihr Todesurteil unterzeichneten. Dr. Thomas Müller, Leiter des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin am ZfP Südwürttemberg, beleuchtete die damalige Situation in Zwiefalten. Unliebsames Personal wurde von den Nazis entlassen, andere eingesetzt, die wohlüberlegte Tötungen ausführen. Eine von ihnen war Dr. Martha Fauser, die auch nach Ende des Nazi-Regimes dessen Denken verhaftet blieb. „Diese grausamen Taten mahnen uns“, betonte Müller. Zwar könne man das Leid nicht ungeschehen machen, sagte der ZfP-Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp, doch sei es wichtig, dass diese schrecklichen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

In Grafeneck ging der Leiter der Gedenkstätte, Thomas Stöckle, der Frage nach: „Die Täter von Grafeneck 1940 – Ganz gewöhnliche Deutsche?“. Es seien normale Männer und Frauen gewesen, so Stöckle, doch betrachte man sie näher, so seien es nicht die willigen Vollstrecker, die auf den Befehl gewartet haben. Dabei gab es Täter auf drei Ebenen: Auf Reichsebene, auf Landesebene und 90 bis 100 Personen, die eineinhalb Jahre in Grafeneck zu Gange waren. Stöckle ging auf einige der Täter und ihre Biografien kurz ein, etwa den ärztlichen Leiter, Dr. Horst Schumann, der später „Karriere“ machte und Leiter des KZ Auschwitz-Birkenau wurde.

„Erschreckend ist die Normalität der Täter“, hob Stöckle hervor. Es waren Ärzte und Pflegepersonal, Wachmannschaften, Schreibkräfte oder Verwaltungsangestellte – ihre Motive? Karriere, guter Verdienst, Staatsgläubigkeit, die Überzeugung, dass vom Staat kein unrechter Befehl ausgehe. . . Nur die wenigsten wurden vor Gericht gestellt; acht aus Grafeneck, noch weniger von ihnen, nämlich drei, zu milden Strafen verurteilt. Viele haben nach dem Krieg ihre persönliche Verantwortung an den Taten geleugnet.

Groß war auch die Mitschuld der staatlichen Stellen, gewöhnliche Verwaltungsabläufe wurden Teil eines staatlichen Tötungsprogramms, „die Verwaltung wurde zum Werkzeug eines Massenmords“, so Katrin Altpeter. Und sich dieser Vergangenheit zu stellen, sei auch für die Zukunft notwendig: „Demokratie braucht Menschen, die konsequent einschreiten, wenn Unrecht geschieht.“ Es gehe nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern darum, dass Menschen hinschauen, wenn anderen Menschen das Lebensrecht abgesprochen werde.

Gerade Orte wie Grafeneck und Zwiefalten, Orte, an denen getötet wurde, aber auch Orte, an denen die Täter unbeschwert lebten, dienen für solche Erinnerung. Und Tage wie der Gedenktag halten sie jedes Jahr aufs Neue wach.

Quelle